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Copyright Notice 



Rudolf Hilferding; 

Zwischen den Entscheidungen 

Die Gesellschaft. Internationale Revue fur Sozialismus undPolitik. 

Vol. 10, No 1, Januar 1933, p. 1 - 9. 



The document has been created on May 19, 201 1 by 

Klaus Hagendorf, Paris. 
http://eurodos.free.fr/mime 






xagen der Frauenkunde. Vor« 
IniversitSt. Unter Mitarbeit von 
lem Beitrag von Dr. Maria 
r. 244 S. mit 21 Abbildungen, 

uing als Forderung und Tat. 

23 S. 

faben der Soziologie. Verlag 

a. 65 S., 2,40 Mk. 

i so — der dritte Weg. Verlag 

. 2,30 Mk. 

en. Una eine Neugestaltung in 

Bott, Berlin-Tempelhof. 104 S., 

der. Inventur der europaischen 
g e r. Verlag S. Fischer, Berlin. 
,50 Mk. 

rbeit (Sonderabdnick aus dem 
:haftswesens). Verlag Werk und 



Zrvischen den Enischeidungen 



ZWISCHEN DEN ENTSCHEIDUNGEN 

Von RudolfHilferding 

In dem grandiosen Machtkampf, den seit Eintritt der Welt- 
wirtschaftskrise Deutschlands Sozialdemokratie um ihre eigene 
Geltung, um die Erhaltung und Neueroberung der Demokratie 
im mittel- und osteuropaischen Raum, um die Niederringung 
der sozialen, politischen und geistigen Konterrevolution fiihrt, 
sind im Jahre 1932 wichtige Vorentscheidungen gef alien, die 
die endgiiltige Losung weitgehend beeinflussen. In dieses Jahr 
fallt der Kulminationspunkt des deutschen Faschismus, der 
am 13. August erreicht ist, dem Tage, an dem der Reichs- 
prasident sich weigert, die Uebergabe der Staatsmacht, die 
Hitler fordert, zu vollziehen, und Hitler vor dem Oberbefehls- 
haber der Reichswehr kapituliert. Es ist die Peripetie im 
Drama — in diesem Jahre die zunachst entscheidende 
Wendung . . . 

Die Reichsprasidentenwahlen waren vorausgegangen. Sie 
hatten Hitler nicht die Macht gebracht. Aber der Erfolg war 
imposant und die politische Entscheidung offen. Denn Hitler 
wurde nur geschlagen, weil der Gegenkandidat Hindenburg 
war. Hindenburg — das war aber nicht die eindeutige poli- 
tische Entscheidung fur Republik und Demokratie, noch nicht 
einmal die Entscheidung gegen den Faschismus. Das Lager 
Hindenburgs war keine Einheit: nur die Sozialdemokratie und 
der grofite Teil des Zentrums stimmten aus rein politischen 
Erwagungen, der Rest, der fur die Verhinderung des faschisti- 
schen Sieges unerlafelich war, stimmte nach personlichen Sen- 
timents; es waren keine absoluten Gegner des Faschismus, 
und soweit politische Ueberlegungen mitwirkten, wollten diese 
Wahler nur nicht die Alleinherrschaft, wohl aber die von ihnen 
mitkontrollierte Beteiligung Hitlers an der Staatsmacht. 

Die faschistische Bewegung hatte nicht den vollen Sieg 
erreicht, aber ihr Aufstieg war, wie die preuBische Landtags- 
wahl und die erste Reichstagswahl bewiesen, noch un- 
gehemmt. Wichtig war aber ein anderes. Die Partei hatte 
offenbar alle Vorbereitungen getroffen, um im Falle der Wahl 
Hitlers zum Reichsprasidenten, den sozusagen demokratisch 
emmgenen Sieg durch eine sofortige, gewaltsame, revoludo- 
nare Aktion zu erganzen, in der richtigen Erwagung, daS der 
faschistischen Machtergreifung die Machtbehauptung durch 
Vernichtung der gegnerischen Fimrer und Organisationen nn- 



5 



Rudolf Hilferding 



mittelbar folgen miisse. Der „Marsch auf Rom" sollte gleich- 
sam nachgeliefert werden, nachdem man durch die Spielregel 
der Demokratie den legalen Anspruch auf die Macht erlangt 
hatte. Da dem deutschen Faschismus bei der Starke und 
Widerstandskraft der deutschen Arbeiterorganisationen das 
nicht gelungen war, was der italienische schon vor der Erobe- 
rung der Staatsmacht vollfiihren konnte: die Terrorisierung, 
Schwachung oder Vernichtung der feindlichen Organisationen, 
so war er zur Taktik der Legalitat gezwungen, die dem Wesen 
des Faschismus widerspricht und ihn immer wieder zuriick- 
wirft — ■ wie ja die Demokratie in modernen Staaten an sich 
ein Element grofierer Stabilitat und Sicherheit der Staatsform 
darstellt als jede andere Verfassung. Aber faschistische Le- 
galitat — dieser Widerspruch in sich — hort an dem Tage der 
Machtergreifung auf, und daher die Tendenz, den legalen 
Sieg durch einen gewaltsamen Coup zu vervollstandigen. 

Dafi aber nach der Wahlniederlage nur ein paar irregulare 
Terrorakte und Bombenattentate geschahen, die das tatsach- 
liche Vorhaben enthullten, ohne dais die Bewegung es wagte, 
sich die Staatsmacht revolutionar anzueignen, solange sie 
nicht auf dem legalen Weg ans Ziel gelangt war, enthiillte den 
tatsachlichen Machthabern eine Schwache, die fur die spate- 
ren Entscheidungen von fortwirkender Bedeutung wurde. Die 
Starke der Staatsmacht auch gegeniiber der Partei mit den 
starksten und ausgebildetsten Kampfformationen war offen- 
bar geworden. 

Die Heterogenitat, der innere Zwiespalt im „Lager Hinden- 
burgs", in der so verschieden zusammengesetzten Zweck- 
gemeinschaft zur Verhinderung der Wahl Hitlers, und die 
Dynamik der faschistischen Bewegung selbst in ihrem unauf- 
haltsamen Vormarsch, bestimmen die weiteren Etappen. Der 
faschistenfreundliche, sozial und politisch reaktionare Teil der 
episodenhaften Hindenburgmehrheit drangt zur Verstandi- 
gung mit Hitler, und die Inhaber der Staatsmacht, ihre un- 
mittelbaren Exponenten, die schon unter Briining bei der fort- 
schreitenden Lahmung des Parlaments an Selbstandigkeit 
auSerordentlich gewonnen haben, stellen sich die bange 
Frage, wann sie ihre Macht an die aufsteigende Bewegung 
werden abtreten rruissen. Kontrollierter Faschismus, Biindnis 
der konservativen und reaktionaren Gewalten mit der Massen- 
bewegung, die alle Elemente vereinigt, die sich in der Repu- 
blik deklassiert fiihlen, die durch die Wirtschaftskrise sich 
depossediert sehen, die von der Macht der Arbeiterklasse unter 
der demokratischen „Herrschaft der Zahl" sich bedroht 
glauben, wird das Ziel. Der Faschismus soil die Regierungs- 
verantwortung gerade in der schwersten Zeit der Wirtschafts- 



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Zmischen den Entsdieidungen 



krise mittragen, sein Anwachsen als Volksbewegung dadurch 
gehemmt werden. Das Ministerium Briining, das letzte, das 
ohne Konflikt mit dem Parlament noch bestehen kann, wird 
gestiirzt, ein politisches Abenteuer beginnt, dessen Ausgang 
nicht vorauszusehen ist. 

Hitler erstrebt den Alleinbesitz der Macht; das Ministerium 
Briining ist das erste Hindernis, das beseitigt werden mufi. 
Sein Nachfolger wird ein Uebergang sein. Die Neuwahlen 
sollen auf dem legalen Weg die Macht der Partei zur aus- 
schlaggebenden machen, die Aufhebung des Verbots der fa- 
schistischen Wehrverbande das revolutionare Machtmittel ihr 
wiedergeben, die Vereinigung der preuSischen Polizei- und 
Verwaltungsmacht mit der Reichsmacht die wichtigste Vor- 
aussetzung fur das Funktionieren des totalen Staates schaffen. 
Unter diesen Bedingungen ist Hitler einverstanden. Er sagt 
die Unterstutzung zu und nur durch diese Zusage tritt die 
Regierung von Papen ins Leben. Der rein reaktionare Fliigel 
des konterrevolutionaren Lagers ergreift allein die Staats- 
macht. Herr Hitler hat sie ihm iiberlassen, um — den Wahl- 
sieg zu organisieren und seine Kampftruppen in aller Legalitat 
verstarken zu konnen. 

La legalite le tue — die Gesetzlichkeit totet ihn. 

Hitler verfiigt iiber die starkste Partei des Reichstags, iiber 
ein Drittel der Mandate. Mehr: der Reichstag ist durch seine 
drei Diktaturparteien, Nationalsozialisten, Deutschnationale 
und Kommunisten, arbeitsunfahig, das „System" ist vemichtet, 
die Verfassung kann nicht funktionieren und Herr von Papen 
proklamiert den Tatbestand: die neue autoritare Staatsfiihrung 
wartet auf ihren faschistischen Partner. 

Am 13. August steht Hitler vor Hindenburg, wie zehn Jahre 
friiher Mussolini vor dem Konig. Der Deutsche spielt das- 
selbe Stuck wie der Italiener: Abdankung der Staatsmacht in 
die Hande des Faschismus. Aus der italienischen Tragodie 
wird das deutsche Satyrspiel. Herr Hitler geht die Treppe des 
Palais hinunter — es ist der Absturz des Faschismus. 

Hitler hatte selbst dem Ministerium Papen in den Sattel 
geholfen, seine Bewegung zum Piedestal gemacht, auf dem 
sich die alte Reaktion erheben konnte. Jetzt sollte diese vor ihm 
kapitulieren? Die herrschgewohnte Schicht der preuSischen 
Junker, die Spitzen der Burokratie, die Generalitat sollten be- 
dingungslos, ohne Zwang der plebejischen Massenbewegung 
das Feld raumen? Mussolini war nach Zerschlagung der geg- 
nerischen Organisationen, nach dem Marsch auf Rom vor 
dem Konig erschienen. Und der Konig dankte in seine Hande 
ab, weil es die italienische Generalitat verlangte. Aber die 















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4 


Rudolf Hilferding 






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deutsche Staatsmacht war unerschiittert, nicht zuletzt dank 
der Taktik Hitlers selbst. Ohne die Revolution die Resultate 
der Revolution zu fordern — ■ diese politische Konstruktion 
konnte nur im Gehirn eines deutschen Politikers entstehen. 

Der geschlagene Hitler sucht sich aufs Neue in die Legali- 
st zu retten. Aber Legalitat, das ist jetzt der Kampf gegen die 
Autoritat, gegen die Diktatur, gegen den Nationalismus — es 
ist der Kampf gegen die faschistische, fur die demokratische 
Ideologie. La legalite le tue. Bei der zweiten Reichstagswahl 
verliert Hitler zwei Millionen Stimmen, der Nimbus der Unauf- 
haltsamkeit ist zerstort, der Abstieg hat begonnen. 

Die Regierung Papen ist die Regierung der Restauration. 
Sie ist es von Anfang an und ihr Konflikt mit dem National- 
sozialismus verscharft noch diese Haltung. Sie ist im Reichs- 
tag vollig isoliert, aber ihre Stellung in der Gesellschaft ist 
starker als sie politisch zum Ausdruck kommt. Sie ist Expo- 
nentin der agrarischen Interessen und bringt durch die Steuer- 
gutscheine, den Abbau der Sozial- und Arbeitslosenrenten, 
die Durchlocherung des Tarifvertrags einen grofien Teil der 
Bourgeoisie hinter sich. Die hohe Biirokratie unterstiitzt eine 
Regierung, die durch den Kampf gegen das „Parteibuch- 
beamtentum" ihr bedrohtes Monopol auf die Verwaltung 
wieder herzustellen verspricht, und die Fiihrung der Reichs- 
wehr wahrt durch sie ihre Stellung als entscheidender und 
beherrschender Faktor in einer erschiitterten politischen Welt. 
Ihre AuSen- und Wehrpolitik sichert ihr Sympathien, die 
bisher allein der nationalsozialistischen Haltung gegolten 
haben. Aber die Politik der Restauration zerstort rasch und 
griindlich die von ihr eben geschaffenen Grundlagen der ge- 
sellschaftlichen Stellung, bevor diese sich noch in eine poli- 
tische umsetzen kann. Die agrarische Diktatur, unter der sie 
steht, treibt den handelspolitischen Gegensatz zwischen Land- 
wirtschaft und Industrie ins Unertragliche; ihre Kampf ansage 
gegen die Arbeiterschaft erzeugt eine rasch ansteigende Er- 
regung und Erbitterung, die gefahrlichen Umfang annimmt; 
ihre Machtpolitik will die Verfassungsreform zu einem ost- 
elbischen Zentralismus gestalten, wie er in Deutschland nie 
erhort war, und ruft den Widerstand der Landerregierungen 
wach; ihre Finanzpolitik, namentlich die Unbekummertheit, 
mit der sie die fortschreitende Zerriittung der Kommunal- 
fmanzen vor sich gehen lafit, weckt immer groSere Besorg- 
hisse; die gewagte AuSenpolitik ist eine schlechte Vorberei- 
tung fur die Losung der deutschen Wirtschaftsprobleme, die 
ohne internationale Zusammenarbeit nicht gefunden werden 
kann. Und bei alledem hat sich die innerpolitische Krise noch 
ihs Ungeahnte verscharft, hat der Versuch der Heranziehung 



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Zwischen den Entsdieidungen 



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der„wertvollen, nationalen,aufbauwilligen Elemente" mit ihrer 
wilden Rebellion geendet, die sie zeitweilig bis an die Seite 
der Kommimisten heranbringt. Die „Wirtschaft braucht Ruhe" 
und Herr von Papen hat in seinem leichtsinnigen Dilettantis- 
mus alle Herdfeuer der Unruhe zu hellem Brand entfacht. Die 
zweite Reichstagswahl, deren voile politische Bedeutung erst 
spater sich manifestierr, zeigt die vollige Isolierung der Re- 
gierung der Restauration. Sie sinkt in sich zusammen. 

Die Art der Entstehung der Krise en thai t die Bedingungen 
ihrer Losung. Drei Moglichkeiten scheinen gegeben, Einmal 
die Riickkehr zur parlamentarischen Regierung. Der Reichs- 
prasident fordert Hitler als prasumtiven Reichskanzler zur 
Bildung einer Mehrheitsregierung auf. Dieser Versuch wird 
nicbt einmal ernstlich untemommen. Er scheitert nicht an den 
staatsrechtlich sicher unzulassigen Bedingungen des Reichs- 
prasidenten, sondern an dem Wesen einer faschistischen Partei. 
Der Faschismus besteht aus einer Sammlung sozial, wirtschaft- 
lich und sogar ideologisch ganz disparater Elemente zur Er- 
oberung der Staatsmacht. In der Opposition sichert der Fa- 
schismus den verschiedenen Gruppen die Erfiillung ihrer ent- 
gegengesetzten Wimsche zu. In der Machtausiibung muE er 
zwischen den entgegengesetzten Interessen entscheiden. Die 
soziale Differenziertheit muS die Einheit der Sammelpartei 
sprengen, wenn die einzelnen Gruppen auch nach der fa- 
schistischen Machtergreifung ihre Interessen politisch wirksam 
vertreten diirfen. Deshalb kann der Faschismus, zur Macht 
gekommen, die Macht nur behaupten als unumschrankte 
Diktatur. Als Faschist hat Hitler deshalb recht, wenn er die 
voile und unumschrankte Machtausiibung fordert. Aber die 
Macht des deutschen Faschismus im Verhaltnis zur Staats- 
macht hat seit dem 13. August noch eine weitere Verringe- 
rung erfahren. Das Spiel vom 13. August wiederholt sich und 
Hitler ist wieder der Geschlagene. Er wird unter weit un- 
gunstigeren Bedingungen nochmals auf die „Legalitat" zuriick- 
geworfen. Er mufi die Rolle einer parlamentarischen Oppo- 
sitionspartei weiterspielen. Das zwingt ihn an die Seite der 
Kommunisten. Gemeinschaft mit den Kommunisten, Aus- 
niitzung dieser parlamentarischen Mehrheit zum Sturz der 
autoritiiren Prasidialregierung ist aber fur die faschistische 
Partei verderblich. Sie kann das Parlament im Bunde mit den 
Kommunisten funktionsunfahig erhalten, aber sie erhalt damit 
zugleich die Notwendigkeit der prasidialregierung", die sie 
auBerparlamentarisch zu beseitigen zu schwach ist. Will sie 
aber das Parlament funktionsfahig machen, so mui sie sich 
— off en oder getarnt — einordnen in eine parlamentarische 
Mehrheit, mufi die Verantwortung fur Tolerierung oder Koali- 



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6 



Rudolf Hilferding 









I 



tionspolitik iibernehmen, in der sicheren Voraussicht, dafi die 
Gegensatze in ihren Reihen allmahlich ihre Sprengwirkung 
entfalten. Es ist dieses Dilemma, das in dem Streit zwischen 
Gregor Strafier und Hitler zum Ausdruck kommt, dessen 
Wirkungen bei alien Wahlen mit fast iiberraschender Starke 
sich auSert. 

Die zweite Moglichkeit war das Festhalten an der Regie- 
rung Papen. Es hatte den Versuch bedeutet, die Restauration 
auf einem Wege fortzusetzen, der zum offenen Verfassungs- 
bruch hatte fiihren miissen, der ein Zusammenfliefien der 
Volksmassen zu siner rebellisch-revolutionaren Masse be- 
wirkt, die Staatskrise aufs Aeufierste zugespitzt hatte. Die In- 
haber der Staatsmacht, die Generalitat, die hohe Biirokratie 
schreckten davor zuriick und setzten ihre Auffassung schlieB- 
lich gegen den Reprasentanten der Staatsmacht, den Reichs- 
prasidenten, durch, der in Verkennung der Situation bis zu- 
letzt an Herrn von Papen festgehalten hatte. So ergab sich 
die Losung der Krise durch die Bildung der Regierung 
Schleicher. 

Der Sturz Papens ist ein Erfolg der gegen ihn gerichteten 
Volksbewegung. Kein Erfolg der Demokratie in dem Sinne, 
dafi die politischen Parteien, die fur die Verfassung eintreten, 
stark genug waren, um diese Regierung zu beseitigen. Wohl 
aber ein Erfolg der Demokratie, weil diese Regierung an dem 
Widerstand der breiten Massen, an dem volligen Fehlen jeder 
Massengrundlage zerbrach. Es war ein Sieg des Demos gegen 
den Absolutismus — nur dafi dieser Sieg nicht verfolgt werden 
konnte wegen des Gegensatzes der Krafte, der nur im Kampf 
gegen diese Regierung einen Moment lang uberbriickt war. 

Trotzdem: der Sturz Papens hat bewiesen, da6 eine Re- 
gierung der Restauration in Deutschland nicht mehr moglich 
ist; sein Verschwinden hat zugleich die Politik Hugenbergs, 
der sich bereits vor seinem Sieg glaubte, um den Erfolg ge- 
bracht. Er hat vor allem gezeigt, da6 auch die verselbstfindigte 
Staatsmacht keine Politik gegen das Volk machen kann, und 
in diesem Sinne war Papens Sturz ein Sieg der demokratischen 
Krafte. 

Das zeigt auch das Verhalten der Regierung Schleicher. 
Sie versucht gerade die eigentliche Restaurationspolitik zu 
liquidieren. Preisgabe der Verfassungsreform, der schlimm- 
sten sozialpolitischen Mafinahmen, Beseitigung der Sonder- 
gerichte, Amnestie. DaE es zum Teil dieselben Personen sind, 
die fur die Restaurationspolitik mitverantwortlich waren, 
macht die Aenderung nur noch auffalliger und zeigt, daS sie 
in den objektiven Bedingungen, die zum Sturz Papens gefuhrt 
haben, begriindet ist. 



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Die Stellung der Regierung Schleicher weist in ihrer Stel- 
lung zum Reichstag eine gewisse Analogie zu den Obrigkeits- 
regierungen der kaiserlichen Zeit auf. Die Entschlusse des 
Reichstags sind fur das Schicksal dieser Regierung nicht das 
Entscheidende. Im Konfliktsfall ist der Reichstag der politisch 
schwachere Teil, gegen den sich die Regierungsgewalt zu 
behaupren suchen wird. Die Sozialdemokratie steht zu der 
Obrigkeitsregierung in Opposition. Der Gedanke einer parla- 
mentarischen Tolerierung ist schon deshalb absurd, weil dazu 
alle Voraussetzungen fehlen. Kommunisten und National- 
sozialisten verfiigen iiber die Mehrheit fur MiBtrauensvoten 
und fur Aufhebung von Notverordnungen. Tolerierung oder 
Mitarbeit ist keine Erwagung fur die Sozialdemokratie, son- 
dern fur die Nationalsozialisten. 

Aber mit der Opposition gegen die Prasidialregierung ist 
das politische Problem nicht erschdpft. Die Situation ist nicht 
so einfach wie zur Zeit, als das liberale Burgertum seinen 
Kampf gegen den Absolutismus fur das parlamentarische 
System gekampft hat. Die Prasidialregierungen sind in 
Deutschland nur moglich, weil das Parlament durch die 
Diktaturparteien, die Nationalsozialisten, Deutschnationalen 
und Kommunisten, auBer Funktion gesetzt ist. Der Kampf 
gegen die Prasidialregierung muB also verbunden sein mit dem 
Kampf um ein arbeitsfahiges Parlament und das erfordert 
Kampf gegen die Diktaturparteien. Denn die Prasidialregie- 
rungen sind das Sekundare, das Primare ist die Lahmlegung 
des Parlaments. 

Fur die Sozialdemokratie handelt es sich dabei um eine 
grundsatzliche Auseinandersetzung mit den Kommunisten. 
Deshalb versagt jetzt die Einheitsfrontparole, die in den ersten 
Nachkriegsjahren zur Zeit der Uebermacht der Sozialdemo- 
kratie und der unerschutterten Autoritat der Gewerkschaften 
noch ihren Sinn haben konnte, aber jetzt nur Verwirrung 
stiften kann. Die Kommunisten suchen eine Einheit der Ar- 
beiterbewegung auf unmittelbar revolutionarer Basis zur re- 
volutionaren Aktion der sofortigen Machtergreifung. Dazu 
brauchen sie die Unterordnung der Arbeiter unter die Fiih- 
rung der revolutionaren Avantgarde, der kommunistischen 
Leitung. Die Einheit setzt also die Unterwerfung der sozial- 
demokratischen Massen unter ihre Fiihrung, die Zerstorung 
der Sozialdemokratie, ihres Wesens, ihrer organisatorischen 
Selbstandigkeit voraus. Wenn wir Sozialdemokraten von Ein- 
heit sprechen, so denken wir an die Einheit einer Arbeiter- 
bewegung in ihrem Kampfe fur die von ihr selbst, in demo- 
kratischer Selbstbestimmung jeweils gesetzten Ziele. Dieselben 
Worte bezeichnen ganz verschiedenen Inhalt. In der gegen- 






M— aMM 



Rudolf Hilferding 









wartigen Situation aber sich auf pseudo-revolutionare Ak- 
tionen einzulassen, hielie dem Faschismus zum sicheren Siege 
im Bunde mit der Staatsmacht verhelfen — ein Spiel, dem wir 
uns von Anfang an versagen miissen, denn es endete nicht in 
der Revolution, sondern in der Konterrevolution. 

Die Aufgabe ist nicht leicht. Es widerstrebt dem Arbeiter, 
den Kampf gegen die eigenen Klassengenossen zu fiihren, und 
dies erst recht angesichts der faschistischen Gefahr, die nichts 
dringender erforderte als die Einheit der proletarischen Aktion. 
Aber die Erfullung der Aufgabe ist unerla&lich, weil die Taktik 
der kommunistischen Fiihrung zugleich die parlamentarische 
wie die auSerparlamentarische Aktionskraft der Arbeiterklasse 
lahmt. Denn der immer erneute Versuch, die „Einheitsfront" 
zur Entlarvung der sozialdemokratischen Fiihrung, zur Ab- 
trennung der sozialdemokratischen Massen auszunutzen, die 
„echt revolutionare Haltung" der Kommunisten mit dem 
„Verrat der Sozialdemokraten" zu kontrastieren, verwandelt 
naturgemafi jede au&erparlarnentarische Aktion in ein put- 
schistisches Abenteuer. Deshalb ist der grundsatzliche Kampf 
gegen die kommunistische Fiihrung, das Ringen um den kom- 
munistischen Arbeiter nur die andere Seite des Kampfes gegen 
die Prasidialregierung, des Kampfes um die Zuriickeroberung* 
der Demokratie, die, neu erobert und neu gesichert, erst wirk- 
lich der Kampfboden wird, auf dem die Arbeiterklasse ihre 
Ziele erreichen kann. 

Unterdessen bleibt die politische Situation labil und un- 
gewifi. Die Wirtschaftskrise stellt die Regierung Schleicher 
vor Problerne, bei deren Losungsversuchen sie ebenso ihre 
Position verlieren kann wie ihre Vorgangerin, und die Gefahr, 
die schon bei der Regierung Papen gegeben war, kann aufs 
Neue erstehen, die Rettung zu suchen in dem Abdanken in 
die Hande des Faschismus. Es ist ja iiberhaupt das Charakte- 
ristische der Zeit, dafi zwischen dem Lauf der Wirtschaftskrise 
und N dem Ablauf der rebellischen Auflehnung, die sie auf 
dem politischen Feld erzeugt hat, eine Art Wettlauf statt- 
findet, und es im Ungewissen bleibt, ob die Krise zu Ende 
geht, bevor die Rebellion ihren Weg genommen hat. 

So stehen wir zwischen den Entscheidungen. Die fa- 
schistische Bewegung ist in Deutschland aus der Staatsmacht, 
deren Ergreifung so unmittelbar bevorzustehen schien, fern- 
gehalten worden dank der Taktik der Sozialdemokratie, die 
durch ihre Tolerierungspolitik den ZusammenschluS des 
Burgertums zu einer reaktionaren Masse unter faschistischer 
Fiihrung vermieden und den Eintritt der Faschisten in die 
Regierung wahrend ihres Aufstiegs verhindert hat. Dteselbe 
Taktik hat das Zentrum in seiner Opposition gegen die Re- 






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gierung der Restauration festgehalten und damit diese der 
Stiitze der einzigen festgefugten biirgerlichen Partei beraubt. 
Die Nationalsozialisten aber sind in die Legalitat gebannt, die 
ihnen nur die Wahl laSt, als dienendes Glied in einem Biirger- 
block den beginnenden Abstieg zu beschleunigen oder ihm in 
einer Opposition erst recht nicht zu entgehen, die ihre un- 
geduldig auf Rettung wartenden Anhanger enttauscht. Es 
ist dieser beginnende Abstieg, der die Gefahr des Kompro- 
misses zwischen Hitler und Schleicher verringert, denn die 
absteigende Partei hat die Chance, die Alleinmacht durch die 
Verdrangung ihrer Regierungspartner doch noch zu erobern 
in verschwindend geringerem Mafie als die aufsteigende. 

So sind die bisherigen Entscheidungen gegen den Fa- 
schismus und gegen die Restauration gefallen. Ihre endgiiltigo 
Gestalt wird aber die politische Entwicklung erst von den 
wirtschaftlichen Ereignissen erfahren.